Kluge Einwände gegen Trägheit und Defätismus
Saxophon-Quartett, ein umwerfender Preisträger Christoph Sieber und Purple Schulz sorgen für eine glänzende Eröffnung der 21. Lachmesse
Die Verblüffung beruhte auf Gegenseitigkeit. Fast schien es, als sei das Publikum überrumpelt von der eigenen Begeisterung. Schon sehr lange nicht mehr ist ein Träger des Lachmesse-Preises "Leipziger Löwenzahn" derart euphorisch gefeiert worden wie Christoph Sieber. Der Kabarettist, der am Donnerstag bei den Academixern die 21. Ausgabe des Festivals eröffnete und die Auszeichnung erhielt, war selbst perplex:
"Der Hammer, wie die Leute reagiert haben."
Bei der anschließenden Feier im Hinterzimmer der Mixer hebt Lachmesse-Chef Arnulf Eichhorn gelöst das Sektglas. "Ich bin sehr glücklich über diesen Abend", bekennt er und dankt auch dem fabulösen Leipziger Saxophon Quartett. Unter anderem mit dem Festival-gemäßen Stück "Die lachenden Saxophone" spielen die Musiker charmant, witzig und virtuos die richtige Atmosphäre ein, die Sieber anschließend leicht federnd übernimmt und ausweitet - in einem Programm, das er um das Thema Glück herum formt, das bei allem Amüsement Innehalten fordert, Definitionen sucht und sie manchmal in der Verneinung findet.

Denn es scheint etwas Deutsch-Typisches darin zu liegen, dass manche ihr Glück aus der Vergewisserung und Stabilisierung der eigenen Unzufriedenheit ziehen. Ein Mindestmaß an Larmoyanz als Überlebensmittel in der hochtechnisierten Welt, die das Unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig, falsch und richtig erschwert. In einer Welt, in der keine Spenden für Kenia mehr übrig sind, weil Milliarden in Banken-Rettungen fließen. Eine Welt, von der man sich auf YouTube ein Bild macht, statt den Hintern vom Sessel zu bekommen. In der man bei Starbuck's alles bestellen kann außer einem stinknormalen Kaffee.
In dieses Spannungsfeld - markiert von den Eckpunkten Alltag, Politik, Philosophie und Absurdität - würfelt Sieber seine Einwände gegen Trägheit und Defätismus. Und das mit faszinierend vielen Mitteln: alberner Parodie, Lyrik, Pantomime, Choreographie, Jonglage, einem Rap gar - und mit dem Mut, dies alles durch bitterbösen Zynismus zu brechen, der für Stille sorgt. Als staatlich gesandter Aussortierer von Arbeitslosen macht Sieber das Publikum zur Verfügungsmasse der Mächtigen, er provoziert und erniedrigt. "Wir brauchen Sie nicht mehr", zischt er arrogant, "wir nehmen Ihnen alles, nur den Fernseher nicht - und lassen die Preise für Schnaps bei den Discountern niedrig, damit sie sich zusaufen können".
Trotz kurzer kräftiger Hiebe gegen Westerwelle oder von der Leyen - hier geht es nicht um Politiker-Prügel mit dem hohlen Holzhammer, sondern um das Bloßstellen und zumindest temporäre Austreiben eines ziemlich gruseligen Zeitgeistes.
Das ist topmodernes Kabarett, subtil und gleichermaßen unterhaltsam. Die überwältigten Zuschauer wollen den Schwaben nicht von der Bühne lassen. Sie wird dann doch noch frei für den Laudator, von dessen Erscheinen auch Sieber nichts gewusst hat: Rüdiger Schulz, bekannt und verehrt als Sänger Purple Schulz, singt und klampft ein Loblied auf den Preisträger.
Die anschließende Feier ist erst gestern früh gegen halb vier beendet, nach langen Gesprächen und einigen Liedern von Schulz, gespielt auf der Miniatur-Gitarre. Unausgesprochen hat man sich in dieser Nacht geeinigt: Da ist es doch, das pure Glück. Mark Daniel
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